20. Der erste Kampf

Langsam erwachten sowohl Merlin als auch Morgana aus einer tiefen Dunkelheit. In den ersten Sekunden wussten beide nicht, wo sie eigentlich waren, und was zuvor geschehen war; doch dann fiel es ihnen wieder ein - und sie bemerkten, dass sie sich nicht mehr in ihrer Gefängniszelle befanden.

Merlin und Morgana sprangen beide beinahe zeitgleich auf die Füße und blickten sich um. Sie realisierten, dass sie in einer großen Arena waren, doch diese schien ohne Zuschauer zu sein. Es gab nur sie beide, und langsam ahnten sie auch, weshalb sie hier herein gebracht worden waren. Und sie konnten noch etwas spüren: Sie beide verfügten wieder über ihre Magie!

Merlin spürte das Kribbeln in sich, als es ihm bewusst wurde. Er versteifte sich. Ihm wurde klar, dass nicht nur seine Magie wieder vollständig hergestellt wurde, sondern auch ihre! Also war es jetzt an der Zeit. Das Schicksal - beziehungsweise in diesem Fall Nirar - hatte beschlossen, sie gegeneinander antreten zu lassen. Er musste auf der Hut sein, denn ihm war klar, dass er ab jetzt auf jeden seiner weiteren Schritte acht geben und sich keinen Fehler mehr erlauben durfte!
Auch Morgana war bewusst, was nun auf sie zukam. Und auch sie spürte die Macht in sich. Sie fühlte sich gut. Ja, sie spürte, wie die schwarze Magie ihren Körper durchflutete.

Und dann begannen beide, sich zu umrunden. Zuerst noch langsam, immer auf der Hut und darauf bedacht, was der andere wohl als erstes tun würde. Wer würde anfangen? Merlin wollte es, er wollte so gerne zum ersten, entscheidenden Schlag gegen seine Erzfeindin ausholen, doch ihm war bewusst, dass dies tödlich enden könnte. Eine von Morganas Stärken war es, andere Kräfte zu absorbieren, also musste er so lange es nur ging verhindern, gegen sie zum Schlag auszuholen - doch wie sollte er sie dann bekämpfen?

Schließlich war es Morgana, die keine Lust mehr auf die "Spielchen" hatte. Sie wollte kämpfen. Auch sie wusste, dass Merlin kein unbeschriebenes Blatt war, und durchaus große Kräfte besaß, doch ihre waren stärker! Dessen war sie sich bewusst. Und so fuhr sie zum ersten Schlag gegen Merlin aus, in dem sie ihm einen Feuerball entgegen schleuderte. Merlin gelang es gerade noch rechtzeitig, diesem auszuweichen. Keiner von beiden nahm Arthurs Keuchen wahr, der oben in seiner "Ehrenloge" den Beginn des Kampfes miterlebte.

Und es wurde ein harter Kampf. Zuerst war es Morgana, die Merlin mit Angriffen nur so bombardierte, auf die er anfangs einfach nur reagieren konnte. Noch traute er sich nicht, seinerseits zu agieren, doch ihm war klar, dass dies nicht ewig so weiter gehen konnte. Er musste sie ebenfalls bekämpfen! Mit seinen magischen Waffen. Und so blitzten schließlich auch seine Augen golden auf, und ein starker, beinahe schon orkanähnlicher Windstoß fuhr auf Morgana zu, der diese zu Boden warf.
Ja, damit hatte sie kurzzeitig nicht gerechnet, doch ihr sollte klar sein, dass der Zauberer nicht ewig tatenlos herum stehen und sich angreifen lassen würde. Sie lächelte. Dann wurden ihre Augen dunkel - und ein noch stärkerer Windstoß bombardierte Merlin.

Dieser flog nach hinten und fiel auf den Boden. Diese Kraft hatte er der Hexe nicht zugetraut. Es war beinahe kein "Wind" gewesen, der ihn getroffen hatte, sondern es kam ihm vor wie ein Faustschlag, der ihn mitten in den Magen getroffen hatte. Es war beinahe so, als hätte Morgana den Wind gebündelt und ihn an eine Stelle geleitet - um ihn dann zu Fall zu bringen. Konnte das wirklich sein? War sie so stark? Merlin hörte ihre lachende Stimme: "Hast du vergessen, dass ich über die Elemente herrsche, Zauberer?" Ihre Stimme klang verächtlich. Und dann fuhr sie fort: "Du willst mich mit den Waffen der Elemente bekämpfen? Ich glaube kaum, dass das funktioniert, du wirst mir unterlegen sein, Bübchen!" und bevor Merlin denken konnte, kam schon ein erneuter Feuerball auf ihn zugeflogen, dieses Mal größer als der erste.

Merlin konnte erneut im letzten Augenblick ausweichen. Dennoch erwischte ihn das Feuer am linken Arm. Er brüllte auf. Für einige Sekunden war er nicht mehr in der Lage, den Arm zu bewegen, dennoch biss er die Zähne zusammen und holte zum nächsten Schlag gegen Morgana aus: Wieder glühten seine Augen golden, als er den Staub und die Erde vom Boden der Arena sammelte und diese in gebündelter Form der Hexe mit voller Wucht entgegen schleuderte. Er wusste, dass auch dies Teil der Elemente war, und er wusste nicht, ob es funktionieren würde, aber er wollte zumindest versuchen, sie abzulenken, so dass er sich auf sie stürzen und sie mit seinen Händen erwürgen konnte! Eine andere Waffe hatte er hier nicht.

Doch Morgana hatte ihn durchschaut. Es gelang ihr im letzten Augenblick den gesamten Staub auf ihn zurück zu schleudern. Merlin bekam alles ins Gesicht. Er hustete und konnte für einige Sekunden nichts mehr sehen. Er wusste, dass es brenzlig wurde. Jetzt zählte jede Sekunde! Auch, wenn er nicht wusste, wo Morgana sich gerade aufhielt, sagte er einen Zauberspruch auf und stieß erneut eine Druckwelle auf sie - zumindest dorthin, wo er meinte, dass sie stehen müsste. Er wusste, dass Wind ihre Stärke war, dennoch war es momentan alles, womit er kämpfen konnte. Die Elemente. Andere Waffen hatte er nicht...

Doch Morgana hatte ihn durchschaut. Wieder absorbierte sie seine Kraft und zusammen mit ihrer eigenen gelang es ihr, aus seinem Windstoß einen Wirbelsturm zu erschaffen, der stark genug war, die ganze Arena zu erfassen. Doch er hatte ein Ziel. Dieses Ziel war Merlin und dieser hatte keine Chance, als ihn der Wirbelsturm erfasste und ihn durch die gesamte Arena schleifte.

Merlin spürte nur noch, wie ihn eine riesige Druckwelle erfasste. Er wurde quer durch die Arena geschleudert und prallte schließlich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf dem Boden auf - und blieb regungslos liegen. Morgana trat zu ihm. Sie konnte keine Regung mehr an ihm feststellen; seine Atmung war flach. Noch atmete er, doch das würde sie nun ändern. Sie kniete sich zu ihm und hob seinen Kopf zu sich hin -
und Arthur konnte nur noch fassungslos mit ansehen, wie sie das letzte Leben aus ihm heraus saugte. Ja, er konnte es sehen, als sein Lebensodem aus ihm wich - in Morganas Mund hinein.

Arthur schrie. Er klopfte gegen die Scheibe, doch Morgana hörte es nicht oder es beeindruckte sie in keinster Weise.
Auch Nirar schien regungslos zu sein, er beobachtete das Geschehen nur, bis es vorbei war. Und schließlich war es vorbei. Morgana stand auf und blickte nach oben. Sie hatte gesiegt. Ihr Widersacher war tot; verächtlich schaute sie noch einmal zu ihm hinab. Er hatte zumindest versucht, sich gegen sie zur Wehr zu setzen, doch er war, wie sie es sich bereits zuvor gedacht hatte, viel zu schwach gewesen! Und nun, da er tot war, wurde ihr auch bewusst, dass ihnen jemand zusah.
Langsam hob Morgana den Kopf und blickte nach oben. Sie spürte die Blicke zweier Menschen auf sich, und sie wusste instinktiv, dass es der Nirar und Arthur Pendragon waren. Ein diabolisches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Arthur wusste also, dass sein Lieblingsmagier und bester Freund tot war. Und sie wusste auch, dass Nirar sie ab nun unbehelligt gehen lassen würde. Sie war frei und niemand konnte ihren Siegeszug über Camelot und die Welt aufhalten, denn der einzige, der einmal dazu in der Lage gewesen wäre, war zu schwach für sie gewesen....


In Arthurs Herz war es dunkel und kalt geworden. Vollkommen geschockt sah er nach unten in die Kampfarena und blickte Morgana genau in die Augen, die nach oben zu ihnen hinauf sah. Sie lächelte. Es war ein böses Lächeln, das ihm alle Farbe aus dem Gesicht weichen ließ. Er hatte für eine kurze Zeit das Gefühl, sich nicht mehr bewegen zu können. Morgana hatte gewonnen. Er konnte es kaum fassen. Dann zwang er sich, seinen Blick von ihrem Gesicht und ihren Augen zu lösen und sah zu der am Boden liegenden Gestalt herüber. Es war Merlin… Er bewegte sich nicht mehr, und Arthur wusste, dass sein Freund tot war. Er hatte gesehen, wie die Hexe, die einmal seine Ziehschwester gewesen war, ihn eigenhändig getötet hatte; ihm den letzten Odem ausgesaugt hatte...  Arthur wurde schlecht. Merlin war gefallen im Kampf gegen die mächtigste Hexe der Welt - der wahrscheinlich von Anfang an aussichtslos gewesen war. Wie bereits befürchtet, hatte sie sich seine Macht angeeignet und ihn mit dieser und ihrer eigenen immer stärker werdenden Macht ausgeschaltet. Arthur sank an der Scheibe zusammen. Er fühlte nicht mal mehr, als ihn starke Hände hochhoben und die Diener ihn zurück in seinen Raum trugen, den er sich mit den Rittern teilte.

Diese hatten die ganze Zeit auf ein Zeichen gewartet, auf eine Information, was nun überhaupt geschehen war. Sie machten sich Sorgen um ihren König und fragten sich die ganze Zeit, was nun so wichtig war, dass Nirar Arthur bei sich haben wollte.

Dann ging die Tür auf und Nirars Diener trugen den beinahe bewegungsunfähigen Arthur in den Raum. Sie hatten Waffen im Anschlag, mit denen sie die Ritter im Zaum halten wollten, falls diese auf “dumme Gedanken” kommen sollten. Und in der Tat war Sir Gwain der erste, der auf seinen König zulief und sich zu ihm kniete. “Was habt Ihr mit ihm gemacht? Sire? SIRE?” fragte er aufs höchste beunruhigt, und auch Lancelot und Leon kamen hinzu. Die Diener antworteten nicht, sondern verließen den Raum wieder. Die Ritter hörten das vertraute Klicken der Schlösser wenn diese geschlossen wurden. Doch das interessierte sie jetzt nicht. Jetzt mussten sie heraus finden, was mit ihrem König los war…

“Sire? SIRE? Was ist geschehen? Sagt etwas, bitte!” fragte Lancelot schließlich, während sich die anderen ebenfalls zu ihm gebeugt hatten. “Er ist nicht verletzt, ich kann keine Blutung oder ähnliches an ihm feststellen”, sagte Sir Leon schließlich einigermaßen beruhigt. Auch die anderen fühlten Erleichterung, doch etwas stimmte nicht. So hatten sie ihren König noch nie gesehen…
Doch schließlich blickte Arthur auf. Er hatte in den letzten Sekunden seine Gefühle auszuschalten versucht. Das gerade erlebte war so unfassbar, dass es nicht wahr sein konnte… Und dennoch spürte er die Leere in sich. Es war geschehen…

Langsam sah er von einem Ritter zum anderen und sein Gesichtsausdruck erschreckte die Männer. “Sire?” fragte Sir Leon erneut, doch Arthur hob die Hand. Er stand auf und setzte sich langsam auf sein Bett. Das, was nun auf ihn zukam war das Schwerste. Noch schwerer, als die Wahrheit selbst zu ertragen. Er blickte zu Sir Gwain und es zerriss ihm beinahe das Herz. Arthur wusste, dass der Ritter eine besonders freundschaftliche Beziehung zu dem Zauberer gehabt hatte. Auch die anderen mochten ihn, doch Gwain hatte ihm geholfen, als er noch in diversen Schwierigkeiten gesteckt hatte; in der Zeit, als es noch keine Magie in Camelot geben durfte. Doch jetzt war keine Zeit für diese Gedanken. Arthur musste es tun. Jetzt! Er schloss langsam die Augen und öffnete sie dann wieder. Dann atmete er einmal tief durch und sagte es schließlich: “Der Grund, weshalb Nirar mich hat rufen lassen war, dass er seine “Ankündigung” wahr gemacht hat… Er hat Morgana gegen Merlin antreten lassen… In einer Arena - und ich “durfte” dabei zusehen…”

Arthur spürte, wie ihn die Ritter anstarrten. Das Schlimmste hatte er ihnen noch nicht gesagt. Und sein Mund wurde trocken, seine Stimme heiser, als er schließlich das Unvermeidliche, das Grauenhafte aussprach: “Sie hat gewonnen… Morgana hat Merlin besiegt - und ihn getötet.. Merlin ist tot!”… Dann schwieg er.
Er hörte die Ritter neben sich stöhnen. Er spürte ihre Blicke, die sich in ihn hinein bohrten. Er konnte ihre Gedanken geradewegs hören… Schließlich war Sir Gwain der erste, der etwas sagte. Ein kaum hörbares “Nein, Sire.. Ihr müsst Euch täuschen… Dass, dass habt Ihr doch schon einmal… Erinnert Ihr Euch?” Hoffnung lag in seiner Stimme und Arthur wusste, wovon er sprach.
Ja, er erinnerte sich an den Augenblick der Täuschung, als er glaubte, Merlins Leichnam vor sich zu sehen; als Lucerna ihn dies hatte glauben lassen. Doch Lucerna gab es nicht mehr und er hatte den Kampf leibhaftig vor sich gesehen. Gesehen, wie Morgana Merlin besiegt und ihn getötet hatte. Nein, das war kein Trugbild gewesen..

Er schüttelte den Kopf und antwortete dem Ritter: “Nein, dieses Mal ist es wahr! Ich habe den Kampf beobachtet. Merlin hat gekämpft bis zum Schluss. Doch Morgana war stärker. Es ist das geschehen, was er bereits befürchtet, und wovor er Angst gehabt hatte: Morgana hat ihn seiner Macht beraubt - und sie selbst ist machtvoller geworden als ich es mir in meinen ärgsten Alpträumen hatte vorstellen können und wollen…” Wieder blickte er auf den Boden. Die Leere die er fühlte war unbeschreiblich, und langsam merkte er, dass es auch den Rittern so ging. Besonders Gwain. Doch auch Leon und Lancelot ließen schließlich, als auch sie es begriffen, ihrer Trauer freien Lauf. Sie alle setzten sich auf eine Seite ihres Raumes und starrten entweder auf den Boden oder an eine andere Stelle des Zimmers.
Eine Spannung lag in der Luft, die nicht zu beschreiben war. Alle hingen ihren eigenen Gedanken nach, dennoch waren es beinahe die selben: Alle dachten daran, wie sie sich für Merlins Tod rächen konnten…

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Christal, 31
Traumland